Ich habe beschlossen, in Zukunft keine Aufträge als Ingenieur mehr anzunehmen und nur noch meine eigenen Projekte in meinem Ingenieurbüro zu bearbeiten. Um es kurz zu sagen, ich habe es endgültig satt, als Ingenieur wie der letzte Dreck behandelt zu werden und der Fußabtreter für den Frust der Leute zu sein, die mir ihren eigenen Fehler nicht zurecht kommen. In den letzten Jahren begegneten mit zunehmend immer mehr Kunden die vorgaben, dass sie dringend Hilfe bei der Lösung eines technischen Problems benötigten. Als ich aber genauer nachfragte, um genügend Informationen für die Erstellung eines Angebotes zu bekommen, stellte sich meist heraus, dass die Kunden irgendwelchen Mist gebaut hatten und nun jemand brauchten, dem sie die ganzen Probleme vor die Füße werfen konnten und der notfalls schuld daran ist, wenn etwas schief geht. Selbstverständlich wollten die Kunden das leidige Thema der Bezahlung so weit wie möglich umschiffen. Es gehört ja in Deutschland zum guten Ton, dass man von einem Ingenieur ehrenamtliche Arbeit erwartet. Man stelle sich nur einmal vor, wenn ich Rechnungen stellen würde, die so hoch wären, dass ich Dinge bezahlen könnte wie Rentenversicherung, Krankenversicherung, Berufshaftpflichtversicherung, Steuern und Rücklagen.
Letztens hatte ich ein Erlebnis, was mich in meinem Entschluss bestätigt: Ich hatte jemanden geholfen, seinen seit Jahren vernachlässigten Computer wieder auf den neusten Stand zu bringen und habe von vornherein gesagt, dass ich das ohne Bezahlung mache, weil es eine Kleinigkeit von nur drei Stunden war. Nach getaner Arbeit meinte er, dass er mich bezahlen wollte. Ich lehnte die Bezahlung ab, aber er bestand mir den folgenden Worten darauf: „Du bist doch Ingenieur und kann doch nicht umsonst arbeiten. Wovon willst du denn leben?“ Ich überlegte kurz und sagte dann: „Möchtest Du wissen, was ich verlangen würde, wenn ich mich an die Stundensätze halten würde, die die Ingenieurkammer empfiehlt? Pro Stunde 80 € mal drei Stunden ergäbe dann 240 €.“ Ich sah ein Gesicht, dessen Gesichtszüge entgleisten: „Nee, so viel hab ich nicht. Das kann sich ja keiner leisten.“ Er drückte mir 50 € in die Hand. Ich nahm die 50 €. Besser haben als nicht haben, aber das war’s für mich. Ich denke, dieses Land muss den Bach runter gehen und wird bald so richtig gegen die Wand fahren. Das Problem liegt in der Mentaliät der meisten Leute in Deutschland. Die Leute verschließen die Augen und reden sich alle Probleme schön. Wenn sie irgendwelchen Mist bauen, geben sie anderen die Schuld, anstatt die Fehler offen anzusprechen und gemeinsam nach konstruktiven Lösungen zu suchen. Wenn der Karren dann in den Dreck gefahren wurde, schreien sie nach einem Führer, der ihnen dann den Rest gibt und dann medienwirksam die schwächsten Radgruppen der Gesellschaft bestraft.
Auf solche Praktiken werde ich mich nicht einlassen und ich investiere meine Energie lieber in die Entwicklung eigener Projekte.