Umgang mit Ingenieuren

Bei vielen Projekten fällt mir auf, dass Leute aus dem kaufmännischen Bereich, die sich im Allgemeinen auch als Geschäftsführung bezeichnen, nicht mit den Ingenieuren in den Projekten reden. Wenn sie mit den Ingenieuren dennoch Worte wechseln sollten, dann gleicht dieses Gespräch eher einem Verhör mit einem erzieherischem Anspruch. Die Kaufleute stellen Fragen, die darauf abzielen, dass die Ingenieure sich für ihre Arbeit rechtfertigen müssen. Ich möchte ein solches Gespräch zwischen einem Kaufmann und einem Ingenieur beispielhaft wiedergeben, um das gesamte Problem zu verdeutlichen und Einblicke darüber zu geben, was in einem Ingenieur dabei vorgeht:
Kaufmann: Sind Sie schon weiter gekommen bei der Sache mit dem Kühlkörper?

Ingenieur: (denkt: Jetzt kommt der schon wieder mit seinem Kühlkörper. Wir haben viel wichtigere Probleme.) Ja, ich bin weiter gekommen. Der Kühlkörper kann nun durch Falten eines kleinen Stück Aluminiumblechs hergestellt werden.
Kaufmann: Denken Sie, das das funktioniert?

Ingenieur: (denkt: Was soll das denn?) Ja, das funktioniert. Das Blech kann an zwei Enden eingespannt und dann so zusammengeschoben, dass es einknickt und die Form des Kühlkörpers ergibt. (Der Ingeneiur macht eine Geste mit seinen Händen und verdeutlicht damit das Zusammenfalten)

Kaufmann: Geht denn das nicht anders? Haben Sie schon mal geschaut, wie in anderen Unternehmen Kühlkörper hergestellt werden? Es dürfte doch kein Problem sein, solche Kühlkörper zu kaufen.

Ingenieur: (denkt: Das hatten wir doch schon mal diskutiert. Das Problem ist gelöst und es gibt wichtigere Aufgaben. Was mach ich mit dem Typen am besten? Am besten ich würge das Gespräch ab. Naja, wahrscheinlich werden die mich sowieso bald rausschmeißen.) Ich habe bei Firmen nach solchen Kühlkörpern gefragt. Die meisten haben nicht geantwortet und ich musste hinterhertelefonieren um zu erfahren, dass sie diese Kühklörper nicht herstellen können.

Kaufmann: Bei wie vielen Firmen haben sie gefragt?

Ingenieur: (denkt: Ach du scheiße, jetzt geht das schon wieder los. Als ob wir nicht schon genug Schwierigkeiten hätten. Es ist doch nur eine Kleinstserie. Das Problem mit dem Kühlkörper ist gelöst und es kostet zudem kaum was.) Bei fünf Herstellern von Kühlkörpern. Denen war diese Art von Kühklörpern so fremd, dass ich ihnen erst lange erklären musste, was wir brauchen.

Kaufmann: Fünf? Das reicht nicht! Fragen Sie mehr Firmen an! Lassen Sie sich Angebote machen, von 20 Firmen oder von 50!

Ingenieur: (denkt: Das werde ich bestimmt nicht machen, weil ich mich sonst bei den Firmen lächerlich mache und mein Ansehen verliere. Ich weiß das, weil ich mit einigen Lieferanten bei einem Bierchen erfahren habe, wie Preisdrücker behandelt werden.) Angebote erstellen ist ein großer Aufwand. Wenn ich das mache, bekommen wir einen schlechten Ruf, weil wir nicht beabsichtigen, die Angebote anzunehmen.

Kaufmann: Das ist Unsinn! Ich möchte übermorgen die Angebote der Firmen auf meinem Tisch haben und keine Diskussion.

Ingenieur: (denkt: Von wegen, das werde ich nicht tun. Ich bin doch nicht bescheuert und hänge mich an unwichtigen Details auf, die bereits gelöst sind. Ich kümmere mich lieber um die wichtigen Probleme. Sonst bin ich wieder schuld, wenn das ganze Projekt nicht funktioniert. Der soll nächste Woche wieder kommen.) Hmm, gut mach ich.

Kaufmann: Genau! Kommunikation ist wichtig und viele Probleme lassen sich durch persönliche Gespräche mit den Firmen ganz schnell lösen, und Sie müssen nicht Ihre Arbeitszeit mit dem Lösen technischer Detailaufgaben verbringen.

Solche Gespräche habe ich wieder und wieder erlebt. Diese Gespräche führen dazu, dass der kaufmännische Bereich eines Projekts als letzter erfährt, wenn es Schwierigkeiten gibt.

Ingenieuren wird nachgesagt, dass sie wenige „Softskills“ sprich soziale Kompetenz haben und nicht Teamfähig sind. Es gibt sogar Kurse, die Ingenieuren Soziale Kompetenz beibringen sollen, so dass Kaufleute mit ihnen klar kommen.

Wenn Ich Ingenieure unter sich beobachte, wenn keine Kaufleute und deren Kontrolleure da sind, merke ich, dass die Zusammenarbeit ausgezeichnet funktioniert. Selbst Ingenieure, die man mit dem Begriff „Nerd“ bezeichnen könnte sind voll in die Arbeitsgruppen integriert. Es muss also doch eine Form von Sozialkompetenz bei Ingenieuren vorhanden sein. Die Beobachtungen, die ich dabei gemacht habe, habe ich in dem Artikel „Gewaltfreie Zusammenarbeit“ zusammengefasst.

Wenn Kaufleute sich auf die Umgangsformen von Ingenieuren einlassen, erfahren sie Dinge, die sie nicht für möglich halten. Ingenieure sind meiner Erfahrung nach sehr redselig und lügen nur dann, wenn sie dazu gezwungen werden. Sich zu verstellen, Dinge geheim zu halten und und zu lügen ist anstrengend und verschwendet Zeit, die Ingenieure im Allgemeinen nicht haben. Technische Probleme lösen ist schon kräftezehrend genug.